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Differentialgleichungen in Divergenzform Differentialgleichungen in Divergenzform
Differentialgleichungen in Divergenzform Sachverzeichnis
© 2001-2008 Prof. Dr. Hans Wilhelm Alt, University Bonn, Germany

Partielle Integration im  Rn 
[chap:PartialIntegration]


Ziel dieses Abschnitts ist es, eine  n -dimensionale Version vom "Hauptsatz der Differential- und Integralrechnung" (auch "Fundamentalsatz der Analysis" genannt)
b
a
f(x) dx = f(b) - f(a)
aus der Analysis I zu erstellen.

Wir haben also gesehen, dass der Ableitung im eindimensionalen Fall in mehreren Raumdimensionen der "Divergenzoperator" entspricht (dieser wurde auch schon in Analysis II eingeführt). Die zugehörige Verallgemeinerung des Hauptsatzes der Differential- und Integralrechnung wird dann der GAUSS'sche Satz (englisch: "Divergence Theorem") sein.

Definition (Divergenz)

Für ein stetig differenzierbares Vektorfeld  q: Rn → Rn  heißt
div q(x) :=
n
i=1
i qi(x)     (Andere übliche Bezeichnung: ∇•q(x))
die Divergenz von  q  im Punkte  x  und wir nennen   div   den Divergenzoperator. Für jede orthonormale Basis  {ẽ1, ..., ẽn}  gilt:
div q(x) =
n
i=1
ei•D q(x)(ei) =
n
i=1
i •Dq(x)(ẽi) .
Hierbei bezeichnet  {e1, ..., en}  die kanonische Basis des  Rn .

Beweis. Mit der Darstellung  ẽi = ∑ k=1n aik ek  gilt:
n
i=1
i•Dq(x)(ẽj) =
n
k,l = 1
(
 
i
aik ail)ek•Dq(x)(el) =
n
k,l = 1
δkl ek•Dq(x)(el),
da die Matrix  (aik)ik  orthogonal ist.

Der Beweis des GAUSS'schen Satzes (Satz satz:6-7) wird auf zwei wesentliche Fälle zurückgeführt. Der erste ist der lokale Fall im Inneren (siehe Satz satz:6-1), d. h. der Fall, dass das betrachtete Vektorfeld kompakten Träger in  Ω  hat. Der zweite ist der lokale Fall am glatten Rand (siehe Satz satz:6-3), bei dem das betrachtete Vektorfeld den Träger in einer Umgebung eines glatten Randpunktes (siehe Definition definition:6-2) hat.

Um im Beweis des allgemeinen GAUSS' schen Satzes auf die lokalen Situationen in satz:6-1 und satz:6-3 zurückgreifen zu können, müssen wir  C1 -Funktionen in lokale  C1 -Funktionen zerlegen, d. h. in  C1 -Funktionen mit lokalem Träger.

Wir wären nun in der Lage, den Satz von GAUSS für Gebiete mit  C1 -Rand zu beweisen, d. h. Gebiete  Ω , die einen  C1 -Rand in jedem Punkte  x0∈∂Ω  haben (siehe Definition definition:6-2). Jedoch erfordern die meisten Anwendungen eine größere Klasse von Gebieten, die z. B. auch Quader enthält. Dies sind Gebiete, bei denen der nicht  C1 -Anteil des Randes (bei Quadern im  R3  die Kanten und Ecken des Quaders) niederdimensional ist. Dazu definieren wir:

Der zentrale Satz dieses Kapitels ist der folgende "GAUSS'sche Satz" (im Englischen auch "Divergence theorem" oder "Theorem of GREEN-OSTROGRADSKI-GAUSS" genannt wird):

Satz von GAUSS    [satz:6-7]

Sei  Ω⊂Rn  und  f: clos(Ω) → Rn  mit:
  • [satz:6-7-(1)]  Ω  ist ein beschränktes GAUSSgebiet (siehe Definition unten).
  • [satz:6-7-(2)]  f ∈C0(clos(Ω);Rn) ∩C1(Ω;Rn)  mit   div (f) ∈L1(Ω) .
Dann gilt:
 
Ω
div (f) dLn =
 
∂Ω
f •νΩ dHn-1 .
Bemerkung 1: Dabei ist das Integral über  ∂Ω  definiert als das Flächenintegral über  ∂Ω∖A , wenn  A  die  (n-1) -dimensionale Nullmenge aus der Definition ist. (Diese Definition des Integrals ist konsistent mit definition:6-5-(2).)
Bemerkung 2: Voraussetzung satz:6-7-(1) ist z. B. für Quader  Ω  erfüllt. Voraussetzung satz:6-7-(2) ist z. B. erfüllt, wenn  f∈C1(clos(Ω);Rn) , denn  Ω  ist als beschränkt vorausgesetzt.

Definition (GAUSS-Gebiet)    [definition:6-7]

Wir nennen eine Menge  Ω⊂Rn  ein GAUSS-Gebiet , wenn  Ω  offen ist und  ∂Ω  außer einer abgeschlossenen  (n-1) -dimensionalen Nullmenge  A  aus einem  C1 -Rand besteht, und wenn weiter  ∂Ω∖A  lokal endlichen Flächeninhalt hat, also  Hn-1((∂Ω∖A)∩BR(0))<∞  für alle  R>0 .

Ausblick: Der GAUSS'sche Satz kann auch verstanden werden als die Identität
div ( ΧΩ f) = ΧΩ div f + f ∇ ΧΩ
im Distributionssinne (der Begriff "Distribution" wird in Analysis IV eingeführt, siehe [Analysis IV:Distribution] ). Es handelt sich dabei also um eine Produktformel im ganzen Raum  Rn .

Außerdem arbeitet man in der HILBERTraumtheorie partieller Differentialgleichungen (siehe Vorlesungsskript Partielle Differentialgleichungen I, WS 2002/03) mit der Klasse der LIPSCHITZ-Gebiete, einer anderen Klasse als die der GAUSS-Gebiete. Auch für LIPSCHITZ-Gebiete gibt es eine Version des GAUSS'schen Satzes.

Einfache Anwendungen des GAUSS'schen Satzes ergeben Formeln, welche die partielle Integration im  Rn  betreffen. Für  n=1  und  Ω=]a,b[⊂R  lautet die Formel der partiellen Integration (aus Analysis I)

b
a
g(x)f(x) dx = g(b)f(b)-g(a)f(a)-
b
a
g(x)f(x) dx ,
was wir in der Notation dieses Kapitels schreiben können als
 
Ω
gf dL1 =
 
∂Ω
gfνΩdH0 -
 
Ω
gf dL1 ,
da  ∂Ω={a,b}  mit  νΩ(b)=1  und  νΩ(a)=-1 . Es folgen  n -dimensionale Versionen. Im Folgenden betrachten wir Vektorfelder in  Ω , welche an gewissen Punkten Singularitäten haben. Wir geben dazu einige Beispiele an:


Version 1.8
H.W. Alt - 24.11.2008

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