Berechnung von Integralen im  Rn  Berechnung von Integralen im  Rn 
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Partielle Integration im  Rn  Partielle Integration im  Rn 
Partielle Integration im  Rn  Sachverzeichnis
© 2001-2008 Prof. Dr. Hans Wilhelm Alt, University Bonn, Germany

Flächen im  Rn 
[chap:Surfaces]


In diesem Kapitel führen wir den Begriff einer Fläche im EUKLIDischen Raum ein und definieren auf diesen Flächen ein Oberflächenmaß mit Hilfe lokaler Parametrisierungen. Dies erlaubt es uns, die Konstruktion des LEBESGUE-Integrals aus Kapitel chap:LebesgueIntegral anzuwenden. Damit erhalten wir ein Integral über Flächen, für das alle allgemeinen Sätzen der LEBESGUE-Theorie gelten (z.B. die LEBESGUE'schen Konvergenzsätze satz:lebesgue und satz:special-lebesgue). Wir geben dann noch einige wesentliche Beispiele zur konkreten Berechnung von Flächenintegralen an.

Wir beginnen mit der Definition von Flächen im  Rn .

Definition ( Ck -Fläche)    [definition:5-1]

Seien  0≦m≦n  und  k≧1  ganze Zahlen. Eine Teilmenge  M⊂Rn  heißt  m -dimensionales  Ck -Flächenstück (oder  m -dimensionale lokale  Ck -Fläche ), wenn es eine offene und zusammenhängende Menge  D⊂Rm , sowie eine bijektive Abbildung  γ:D → M  gibt, so dass gilt:
  • [definition:5-1-(i)]  γ  ist  k -mal stetig differenzierbar,
  • [definition:5-1-(ii)]  γ-1  ist stetig,
  • [definition:5-1-(iii)]  Dγ(y):Rm → Rn  ist injektiv für alle  y∈D .
Weiter heißt  M⊂Rn   m -dimensionale  Ck -Fläche , wenn  M  lokal ein  m -dimensionales Flächenstück ist, d. h. wenn es für alle  x0∈M  ein  U⊂Rn  offen mit  x0∈U  gibt, so dass  U∩M  ein  m -dimensionales Flächenstück ist.
Spezielle Bezeichnungen: Ein  0 -dimensionales Flächenstück ist ein Punkt, eine  1 -dimensionale Fläche nennen wir Kurve. Eine  (n-1) -dimensionale Fläche nennen wir Hyperfläche. Die  n -dimensionalen Flächen (bzw. Flächenstücke) sind genau die offenen Mengen (bzw. die offenen zusammenhängenden Mengen) im  Rn , was aus definition:5-1-(i) und definition:5-1-(iii) folgt, wenn man den Satz von der Inversen Abbildung aus Analysis II anwendet.
Bemerkung: Oben bezeichnet die lineare Abbildung  Dγ(y):Rm → Rn  die Ableitung von  γ  im Punkt  y . Aus definition:5-1-(iii) folgt, dass  Dγ(y)(Rm)  ein  m -dimensionaler Unterraum des  Rn  ist.
Bemerkung: In der obigen Definition wurde vorausgesetzt, dass die Menge  D  zusammenhängend ist. Da  D  eine offene Menge ist, ist dies äquivalent dazu, dass  D  wegzusammenhängend ist, d. h. je zwei Punkte in  D  lassen sich durch eine stetige Kurve in  D  miteinander verbinden. (Mittels Faltung folgt dann auch, dass man mit unendlich oft differenzierbaren Kurven verbinden kann.)

In der Natur, d. h. für  n=3 , treten Flächen in vielfältiger Form auf. Zum Beispiel treten  2 -dimensionale Flächen als Begrenzung zwischen zwei Medien auf, etwa die Oberfläche eines Festkörpern oder eine Wasseroberfläche, wobei das zweite Medium ein Gas ist. Von besonderem Interesse sind auch Oberflächen zwischen einem Festkörper und einer Flüssigkeit oder zwischen zwei verschiedenen Flüssigkeiten, wie etwa Wasser und Öl. Weiter können  2 -dimensionale Flächen aber auch als eigenes Medium auftreten, etwa ein Papier oder eine dünne Membran, wobei das umgebende Medium ein Gas ist. Beispiele von  1 -dimensionalen Flächen sind etwa Fasern oder dünne Drähte.

Dabei wird immer vorausgesetzt, dass man die physikalische Situation in einer makroskopischen Skala betrachten kann, für die die Dicke dieser Flächen vernachlässigt wird. Denn auf der Molekülebene kann man niemals von einer Fläche sprechen.

Betrachtet man die Zeitentwicklung solcher Flächen, so kann man sie als  3 -dimensionale bzw.  2 -dimensionale Flächen im  R4=R×R3 , d. h. in Zeit und Raum, auffassen.

So wie die Ableitung einer Abbildung in einem Punkte die lineare Approximation dieser Abildung darstellt, so definieren wir nun die lineare Approximation einer Fläche in einem Punkte. Diese Approximation nennen wir den "Tangentialraum" der Fläche in diesem Punkt. Für allgemeine Mengen muss diese Menge kein Unterraum sein, sie ist dann nur ein Kegel, und wir nennen diese Menge dann den "Tangentialkegel". Die Definition wird nicht nur in diesem Kapitel, sondern auch in den Kapiteln chap:DifferentialEquations und chap:SurfaceIntegration eine wichtige Rolle spielen.

Tangentialraum    [sect:tangentialraum]

Sei  M ⊂Rn ,  x0 ∈M . Dann heißt
Tx0(M) := {v ∈Rn  ; 
∃  (xk)k ∈N ∃  (rk)k ∈N  :  xk∈M, rk>0 ,
xk → x0
xk - x0
 
rk
 
→ v für k → ∞}
der Tangentialkegel von  M  im Punkte  x0 . Die Menge  Tx0(M)  ist ein Kegel mit Spitze  0 , d. h.
v ∈Tx0(M), r ≧0      ==>     rv ∈Tx0(M) .
Falls  Tx0(M)  ein Unterraum des  Rn  ist, so heißt er Tangentialraum von  M  im Punkte  x0 .

Wir hatten in Definition definition:5-1 Flächen mittels lokaler Parametrisierungen definiert. Der folgende Satz ergibt drei weitere mögliche Definitionen, mittels Graphen, Nullstellenmengen und Diffeomorphismen.

Satz (Darstellung von Flächen)    [satz:5-4]

Sei  M ⊂Rn  und  x0 ∈M . Dann sind folgende Aussagen äquivalent:
  • [satz:5-4-(i)] Darstellung mittels Parametrisierung.  Es gibt eine offene Menge  U ⊂Rn  mit  x0 ∈U , so dass  U ∩M  ein  m -dimensionales  Ck -Flächenstück ist.
  • [satz:5-4-(ii)] Darstellung als Graph.  Es gibt eine offene Menge  U ⊂Rn  mit  x0 ∈U , so dass  U ∩M  ein  m -dimensionaler  Ck -Graph ist, d. h.:

    Es gibt ein  D ⊂Rm  offen und zusammenhängend, eine orthogonale Transformation  Q  des  Rn  und ein  k -mal stetig differenzierbares  g: D → Rn-m , so dass

    {(y,g(y))   ;   y ∈D }= {Qx   ;   x ∈U ∩M }.
    Dabei ist  (y,g(y))=(y1,...,ym,g1(y),...,gn-m(y)) .
    Bemerkung 1:  Q  kann als Permutation der Standard-Basisvektoren gewählt werden. Dies bedeutet, dass es  i1,...,inN  gibt mit  {i1,...,in}={1,...,n} , so dass
    U ∩M = {
    m
    k=1
    yk eik +
    n
    k=m+1
    gk-m(y) eik   ;   y = (y1,...,ym) ∈D },
    wobei  ej ,  j=1,...,n , die kanonischen Einheitsvektoren des  Rn  sind.
    Bemerkung 2:  Q  kann so gewählt werden, dass gilt:  Q(Tx0(M)) = {(y,0) ∈Rn   ;   y ∈Rm } . Dies bedeutet, dass es eine Orthonormalbasis  {e1,...,en}  des  Rn  gibt, so dass
    U ∩M = {
    m
    k=1
    yk ek +
    n
    k=m+1
    gk-m(y) ek   ;   y = (y1,...,ym) ∈D }.
  • [satz:5-4-(iii)] Darstellung als Nullstellenmenge.  Es gibt eine offene Menge  U ⊂Rn  mit  x0 ∈U , so dass  U ∩M  eine  m -dimensionale  Ck -Nullstellenmenge ist, d. h.:

    Es gibt eine  k -mal stetig differenzierbare Abbildung  ϕ: U → Rn-m , so dass  Dϕ(x): Rn → Rn-m  surjektiv ist für alle  x ∈U∩M , und so dass

    U∩M = {x ∈U ; ϕ(x) = 0} .
  • [satz:5-4-(iv)] Darstellung durch Diffeomorphismus.  Es gibt eine offene Menge  U ⊂Rn  mit  x0 ∈U , so dass  U∩M   Ck -diffeomorph zu einer relativ offenen Menge von  Rm ×{0}  ist, d. h.:

    Es gibt ein offenes und zusammenhängendes  V⊂Rn  mit  0∈V  und einen  Ck -Diffeomorphismus  τ:V → U , so dass

    U∩M = {τ(y,0)  ; y∈Rm, (y,0)∈V} .
    Dabei ist  (y,0)=(y1,...,ym,0,...,0) .
Wir wollen nun ein Flächenmaß für Teilmengen  E  einer  m -dimensionaler Fläche  M  definieren. Dazu zunächst:

HAUSDORFF-Maß auf  C1 -Flächen    [sect:5-7]

Sei  M  eine  m -dimensionale  C1 -Fläche. Eine Menge  E⊂M  heißt Flächenstückmenge (entsprechend der Quadermenge für das LEBESGUE-Maß, siehe sect:1-2-(iii)), wenn  E  eine BOREL-Menge des  Rn  ist und  clos(E)  kompakte Teilmenge von  γ(D)  für eine Parametrisierung  γ  eines Flächenstücks von  M . Dann sei, falls  m≧1 , das HAUSDORFF-Maß von  E  definiert durch
Hm(E):=
 
D
Χγ-1(E) (y) sqrt( det(DγT(y)D γ(y))) dLm(y).
(Für  m=0  ist  γ(D)  ein Punkt, und wir setzen  H0(E)=1 , falls  E≠∅ , also aus einem Punkt besteht, und  H0(E)=0 , falls  E=∅ .) Dann gelten die folgenden Aussagen:
  • [sect:5-7-(i)] Die obige Definition von  Hm(E)  ist unabhängig von der speziellen Parametrisierung  γ .
  • [sect:5-7-(ii)] Auf einem festen Flächenstück ist  E | Hm(E)  eine  ϭ -additive Abbildung.
  • [sect:5-7-(iii)] Für  m=n  ist  Hn=Ln .

Mit Hilfe der LEBESGUE'schen Integrationstheorie am Anfang der Vorlesung (siehe die ersten drei Kapitel chap:LebesgueIntegral, chap:MeasurableSets, chap:MeasurableFunctions) ergibt sich nun ohne jeglichen Zusatzaufwand ein Integralbrgriff auf Flächen. Wir starten für die Integrationstheorie mit dem in sect:5-7 definierten Maß  Hm  auf dem Ring der Flächenstückmengen von  M  (dies ist sogar ein  ϭ -Ring). Es folgt aus sect:5-7-(ii), dass die für die Integrationstheorie nötige Bedingung eq:1-essential erfüllt ist. Also ist die gesamte am Anfang der Vorlesung entwickelte Integrationstheorie (soweit sie allgemeine Maße betraf) anwendbar.

Integral auf Flächen    [sect:5-8]

Sei  M⊂Rn  eine  m -dimensionale  C1 -Fläche. Ferner sei
B:= {
k
j=1
Ej;  k∈N, Ej sind Flächenstückmengen } .
Dann ist  B  ein Ring.  Hm  ist  ϭ -additiv auf  B  (nach sect:5-7-(ii)). Es folgt (wie in sect:1-2): Es gibt genau ein
Hm:B → R additiv,
welches auf Flächenstückmengen die Darstellung wie in sect:5-7 hat.

Das heißt, die Integrationstheorie aus Kapitel chap:LebesgueIntegral liefert die Existenz des LEBESGUE-Integrals bezüglich  Hm  auf  M , und die allgemeinen Sätze aus Kapitel chap:MeasurableSets und Kapitel chap:MeasurableFunctions gelten. Die Menge der in diesem Sinne  Hm -integrierbaren Funktionen  f:M → Y  bezeichnen wir mit

L(Hm M;Y),
und wir nennen  Hm M  (d. h.  Hm  auf  M ) das  m -dimensionale HAUSDORFF-Maß auf  M . Das zugehörige Integral einer Funktion  f  auf  M  ist
 
M
f dHm =
 
M
f(x) dHm(x) .

Die am häufigsten auftretenden Fälle sind  m=1  und  m=n-1 , die wir im Folgenden behandeln.

Wir geben nun einige wichtige Anwendungen des Flächenintegrals.


Version 1.8
H.W. Alt - 24.11.2008

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