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Fundamentallösungen
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Sachverzeichnis |
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© 2002-2007 Prof. Dr. Hans Wilhelm Alt, University of Bonn, Germany
Lineare Differentialoperatoren
[chap:1]
In dieser Vorlesung werden wir immer folgende Bezeichnungen verwenden:
Wir beginnen mit der Definition von linearen Differentialoperatoren.
Definition (Klassische lineare Differentialoperatoren) [sect:1-1]
Ein klassischer linearer Differentialoperator
der Ordnung m≧0 auf Ω ist eine Abbildung
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L : Cm(Ω;RN) → C0(Ω;RM) ,
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so dass für u∈Cm(Ω;RN) und x∈Ω der Wert
L(u)(x)∈RM eine Linearkombination der partiellen Ableitungen
∂αu(x) für |α|≦m ist.
Dabei sind N und M natürliche Zahlen.
Also hat L die
folgende Darstellung für alle u∈Cm(Ω;RN)
und alle x∈Ω :
Dabei sind die aα(x)∈RM×N , d.h. M×N -Matrizen.
Die abkürzende Schreibweise dafür ist
Aus dieser Definition folgt:
- [sect:1-1-(1)]
Die aα sind notwendigerweise stetig.
- [sect:1-1-(2)]
Die aα sind eindeutig bestimmt.
- [sect:1-1-(3)]
L kann geschrieben werden als
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L(u) = (
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Lij(uj) ) i=1,...,M ,
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wobei Lij : Cm(Ω) → C0(Ω)
skalare Differentialoperatoren
sind mit der Darstellung
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Lij(v)(x)
=
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(aα)ij(x)∂αv(x) ,
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aα(x)
= ( (aα)ij(x) ) i=1,...,M ; j=1,...,N .
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Die eindeutig bestimmten aα heißen die
Koeffizienten von L .
Wir sagen, L ist ein linearer Differentialoperator
mit konstanten Koeffizienten
(bzw. C∞ -Koeffizienten oder analytischen Koeffizienten, usw.),
wenn die Koeffizientenfunktionen x |→ aα(x)
von x unabhängig sind
(bzw. unendlich oft differenzierbare Funktionen sind
oder reell analytische Funktionen sind, usw.).
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Zu einem gegebenen Differentialoperator wollen wir
die zugehörige Differentialgleichung lösen.
Zugehörige Differentialgleichung:
- gegeben: f∈C0(Ω;RM) .
- gesucht: u∈Cm(Ω;RN) mit L(u)=f in Ω .
Dann heißt u
starke Lösung
der Differentialgleichung
Diese Gleichung besteht aus M reellen Differentialgleichungen
für N unbekannte Funktionen.
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Fragen:
- Für welche f existiert eine Lösung?
(Z. B. für f=0 , da L(0)=0 . Die Menge der f , für die eine
Lösung existiert, ist ein Unterraum von C0(Ω;RM) .
Dies folgt aus der Linearität von L .)
- Wieviele Lösungen gibt es bei gegebenem f ?
(Die Menge der Lösungen ist leer oder ein affiner Unterraum von
Cm(Ω;RN) .
Dies folgt wiederum aus der Linearität von L .)
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Wir geben eine Liste der wichtigsten linearen Differentialoperatoren an.
Beispiele [sect:1-2]
- [sect:1-2-(1)]
Gradient ( m=1 , N=1 , M=n ).
- [sect:1-2-(2)]
Divergenz ( m=1 , N=n , M=1 ).
- [sect:1-2-(3)]
LAPLACE-Operator ( m=2 , N=M=1 ).
- [sect:1-2-(4)]
CAUCHY-RIEMANN-Operator ( m=1 , N=M=n=2 ).
- [sect:1-2-(5)]
Diffusionsoperator ( m=2 , N=M=1 ).
- [sect:1-2-(6)]
Wärmeleitungsoperator ( m=2 , N=M=1 ).
- [sect:1-2-(7)]
Wellenoperator ( m=2 , N=M=1 ).
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Wir geben nun einige spezielle Lösungsansätze für
homogene Differentialgleichungen
an. Bei gegebenem Differentialoperator L ist dies
die Differentialgleichung L(u)=0 .
Wir beschränken uns dabei auf Operatoren
L mit konstanten Koeffizienten.
Spezielle Lösungen [sect:1-3]
Sei L ein Operator mit konstanten Koeffizienten.
Im Folgenden geben wir einige Methoden zur Lösung der homogenen Gleichung
L(u)=0 an:
- [sect:1-3-(1)]
Polynomansatz.
- [sect:1-3-(2)]
Produktansatz (Separation der Variablen).
- [sect:1-3-(3)]
Wellenlösungen (Wellenansatz).
- [sect:1-3-(4)]
Selbstähnliche Lösungen.
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Wir nehmen nun im folgenden Satz sect:1-4 das Beispiel sect:1-2-(1)
wieder auf und zeigen, dass die dort gezeigte notwendige Bedingung für
∇u=f auch hinreichend ist.
Dies ist ein Spezialfall des Lemmas von POINCARÉ.
Existenzsatz für Gradienten (POINCARÉ Lemma) [sect:1-4]
Sei Ω⊂Rn offen, f∈C1(Ω;Rn) mit
∂jfi - ∂ifj = 0 für i, j=1,...,n .
Falls jede geschlossene Kurve in Ω zusammenziehbar ist,
so existiert ein u∈C2(Ω) mit ∇u = f .
Zusatz:
Ist Ω zusätzlich (weg-)zusammenhängend
(dann heißt Ω
einfach zusammenhängend
)
und x0∈Ω ,
so haben alle Lösungen die Darstellung
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u(x) = u(x0) +
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f(γ(s)) •γ′(s) ds
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für alle Abbildungen γ : [0,1] → Ω ,
mit γ(0)=x0 und γ(1)=x ,
die stetig und stückweise differenzierbar sind.
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Die Differentialgleichung ∇u=f
ist auch für
u∈C1(Ω;Rn) und f∈C0(Ω;R)
im klassischen Sinn definiert, jedoch ist dann die Bedingung
an f in sect:1-4 nicht klassisch formulierbar.
Dazu zunächst folgende
Die so motivierte schwache Version der Bedingung an f
stellen wir nun in einen allgemeinen Rahmen.
Dies geschieht mit dem Begriff des transponierten
Differentialoperators.
Bei den Integralen mit Testfunktion
(wie auch schon in
Analysis III im Kapitel
[Analysis III:7]
, so in
[Analysis III:EULER-LAGRANGE-Gleichungen]
,
[Analysis III:Divergenzgleichung]
,
[Analysis III:Erhaltungsgleichung]
)
handelt es sich immer um
lineare Abbildungen auf dem Funktionenraum C0∞(Ω;Rl) .
Wir gehen diese Tatsache nun systematisch an:
Definition (Distribution einer Funktion) [sect:1-9]
Sei Ω⊂Rn offen.
- [sect:1-9-(1)]
Zu jedem u∈L1loc(Ω) ist eine lineare Abbildung
[u] von C0∞(Ω) nach R definiert durch
Die Abbildung u |→ [u] ist linear und injektiv.
Es heißt [u]
die zu u gehörende Distribution.
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Hinweis:
Wir werden in dieser Vorlesung systematisch die Bezeichnung
[u] für die von einer Funktion u erzeugte Distribution
verwenden. Später wird man die eckige Klammer immer weglassen.
Es sei darauf hingewiesen, dass
auch in Büchern über Distributionen und allgemein über
partielle Differentialgleichungen
in der Regel zwischen einer Funktion und der
zugehörigen Distribution bzgl. der Bezeichnung nicht unterschieden
wird.
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- [sect:1-9-(2)]
Sei S : C0∞(Ω) → R linear, 1≦i≦n , so ist
wieder eine solche Abbildung.
- [sect:1-9-(3)]
Sei S : C0∞(Ω) → R linear, a∈C∞(Ω) ,
so ist
wieder eine solche Abbildung.
- [sect:1-9-(4)]
Die Menge der linearen Abbildungen von C0∞(Ω)
nach R ist ein Vektorraum.
Es gilt mit diesen Definitionen:
- [sect:1-9-(5)]
∂j∂iS=∂i∂jS für
i, j=1...n .
- [sect:1-9-(6)]
Alle iterierten "Ableitungen" werden beschrieben durch
Hierbei ist α ein Multiindex.
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Mit Hilfe des Begriffs der Distributionen lassen sich
sogenannte "schwache Lösungen" von Differentialgleichungen definieren.
Definition (Distributionslösung) [sect:1-12]
L sei ein linearer Differentialoperator mit C∞ -Koeffizienten
wie in sect:1-1.
Sei F=(F1, ..., FM) mit Fi ∈D'(Ω) gegeben.
Betrachte die Gleichung:
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Lij (Uj) = Fi
in D' (Ω) für i = 1, ..., M .
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Erfüllt U = (U1, ..., UN) mit Uj ∈D'(Ω)
diese Gleichung, so heißt U
Distributionslösung
der inhomogenen Differentialgleichung zu L .
Speziell:
Ist f ∈L1loc(Ω;RM) gegeben, so heißt
u ∈L1loc(Ω;RN)
schwache Lösung von L(u) = f , falls
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Lij ( [uj] ) = [fi]
in D' (Ω) für i = 1, ..., M .
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Wir haben in sect:1-9-(2) gesehen,
dass wir für Funktionen u ∈L1loc(Ω)
beliebige Ableitungen ∂α[u] im Raum der Distributionen
D'(Ω) bilden können.
Im Allgemeinen sind diese Distributionsableitungen auch nur Distributionen.
Dem Fall, dass eine solche Ableitung wieder durch eine Funktion
dargestellt werden kann, kommt eine besondere Bedeutung zu.
Wir definieren daher:
Definition (Schwache Ableitung) [sect:1-13]
Sei α ein gegebener Multiindex und u ∈L1loc(Ω;RN) .
Dann heißt f ∈L1loc(Ω;RN)
schwache Ableitung
bezüglich α , falls
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∂α[uj] = [fj]
in D' (Ω) für j = 1, ..., N .
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Dies bedeutet nach sect:1-10 bei Anwendung auf Testfunktionen ζ :
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(-1)|α|
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∂α ζ·uj dLn
=
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ζfj dLn
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für alle ζ∈C0∞(Ω) und j=1,...,N .
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Nach diesen Definitionen stellt sich unmittelbar die Frage nach
dem Zusammenhang zwischen schwacher und starker Ableitung.
Aus der Analysis II ist Folgendes bekannt:
Sei Ω⊂Rn offen und u : Ω → R .
Gilt ∂i u = 0 in Ω für i=1, ...,n im klassischen Sinne,
so ist u konstant auf jeder Zusammenhangskomponente von Ω .
Allgemeiner gilt:
Ist ∂α u = 0 in Ω für |α| = k ,
so ist u auf jeder Zusammenhangskomponente von Ω
ein Polynom der Ordnung k-1 .
Frage:
Wie verhalten sich diese Aussagen bei schwachen Ableitungen?
Vermutung:
Es gelten die gleichen Aussagen im schwachen Sinne.
Dies wird nun bewiesen.
Verallgemeinertes Fundamentallemma der Variationsrechnung [sect:1-16]
Sei u ∈L1loc(Ω) ,
Ω⊂Rn offen und zusammenhängend,
sowie k ∈N∪{0} .
Falls ∂α [u] = 0 für |α| = k ,
so ist u fast überall gleich einem Polynom
der Ordnung höchstens k-1
(es ist u die Nullfunktion, falls k=0 ).
Spezialfälle:
- Der Fall k=0 findet sich im Fundamentallemma der Variationsrechnung
für L1 -Funktionen (siehe Beweis von sect:1-9).
- Für k=1 besagt der Satz:
∂i [u]= 0 für i=1,...,n impliziert, dass
u fast überall mit einer konstanten Funktion übereinstimmt.
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Wir hatten im Anschluss an sect:1-5 die Einführung schwacher
Lösungen damit motiviert, dass wir die Gleichung
auch für stetiges f lösen möchten. Dies führen wir jetzt aus.
Anhang [sect:1-18]
Es sei Ω⊂Rn offen mit der Eigenschaft aus sect:1-4.
Weiter sei f∈C0(Ω; Rn) mit
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∂j[fi] - ∂i[fj] = 0
in D'(Ω)
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für i,j=1,...,n . Dann definiert die Gleichung eq:14
eine Lösung u∈C1(Ω; R) von
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This is the original german version of the script
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You may switch to the english version:
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Version 1.5
H.W. Alt - 02.01.2007
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