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© 2002-2007 Prof. Dr. Hans Wilhelm Alt, University of Bonn, Germany

Proof

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Bemerkung

Falls  γ  in Satz sect:1-4 eine Parametrisierung einer Kurve ist (siehe [Analysis III:Kurvenintegrale] ), so ist
1
0
f(γ(s)) •γ(s) ds =
 
Γ
f •τdH1 ,
wobei  τ  der Tangenteneinheitsvektor in der Richtung des Durchlaufs der Parametrisierung ist, d.h.
τ(γ(t)) =
γ(t)
(t)|
.

Definition

Eine Kurve  γ : [0,1] → Ω  heißt geschlossen, falls  γ∈C0([0,1])  mit  γ(0)=γ(1)  und in  Ω  zusammenziehbar, wenn sie homotop zu einem Punkt ist, d.h. es gibt ein stetiges  h  : [0,1]×[0,1] → Ω , so dass  h(s,·)  eine geschlossene Kurve für jedes  s∈[0,1]  und  h(0,·)=γ ,  h(1,·)=x0  für ein  x0∈Ω  ist.

Definition

Allgemein heißen zwei Kurven  γ01  in  Ω  mit gleichen Anfangs- und Endpunkten zueinander homotop in  Ω , wenn es eine Abbildung
h  : [0,1]×[0,1] → Ω    stetig
gibt mit
  •  h(0,t)=γ0(t) ,  h(1,t)=γ1(t) ,
  •  h(s,0)=γ0(0)=γ1(0) ,  h(s,1)=γ0(1)=γ1(1) .
Die erste Bedingung heißt, dass  γ0  innerhalb  Ω  stetig in  γ1  überführt werden kann, und die zweite, dass die Anfangs- und Endpunkte dabei stets gleich bleiben.

Es ist leicht einzusehen, dass die Bedingung, dass jede geschlossene Kurve in  Ω  homotop zu einem Punkt ist, äquivalent zu der Bedingung ist, dass je zwei Kurven mit gleichem Anfangs- und Endpunkt in  Ω  homotop zueinander sind.

Proof sect:1-4. Ohne Einschränkung sei  Ω  zusammenhängend. Sei  x0 ∈Ω  und  u0R . Versuche nun  u  zu definieren mittels
[eq:14]
u(x) = u0 +
s1
 
s0
 
f(γ(s))•γ(s) ds  ,
wobei  γ : [s0,s1] → Ω  stetig und stückweise differenzierbar sei mit  γ(s0)=x0 ,  γ(s1)=x . Wir werden zeigen, dass diese Definition nur von  f,x0,x  abhängt (also insbesondere von  γ  unabhängig ist).

Ist dies geschehen, so fahren wir so fort, um zu zeigen, dass  u  Lösung der Differentialgleichung  ∇u =f  ist: Sei  x∈Ω  und  e ∈Rn  ein Einheitsvektor. Definiere eine Kurve  γe : [0,1+δ] → Ω  mittels

γe(t) =
γ(t)
    für 0≦t≦1 ,
x+(s-1)e
    für t>1 .
Dabei sei  γ : [0,1] → Ω  irgendeine stetige und stückweise differenzierbare Abbildung mit  γ(0)=x0  und  γ(1)=x  (ggf. auch  γ(1)=e ). Dann folgt für  0<ε<δ :

u(x+εe)-u(x)
=
1+ε
1
f(x+(s-1)e) •e ds
=
ε
0
f(x+se) •e ds
=
ε
1
0
f(x+rεe) •e dr ,     also folgt
u(x+εe)-u(x)
ε
=
1
0
f(x+rεe) •e dr
→ 
f(x) •e
für  ε → 0  gleichmäßig in  e . Dies beweist, dass  u  ist in  x  differenzierbar mit  ∇u(x)=f(x) . Zusätzlich folgt daraus eine Regularitätsaussage über  u : Es ist  u ∈C2(Ω) , da  f  stetig differenzierbar ist.

Nun zeigen wir die Wohldefiniertheit der Definition von  u(x) .

Die Definition ist unabhängig von der Wahl des Intervalls  [s0,s1] . Dies sieht man ein durch Anwenden der Substitutionsregel der Integralrechnung. Deshalb betrachten wir nun das Einheitsintervall  [0,1] .

Außerdem ist die Definition unabhängig von  γ . Um dies zu zeigen seien  γ01  zwei Kurven mit  γ0(0)=γ1(0)=x0 ,  γ0(1)=γ1(1)=x . Da nach Voraussetzung des Satzes alle solche Kurven homotop zueinander sind, existiert eine stetige Homotopie  h : [0,1]×[0,1] → Ω , die  γ0  in  γ1  überführt, d. h. es gilt

h(t,0) = γ0(t) und h(t,1) = γ1(t)     für t∈[0,1].
Zunächst nehmen wir einschränkend an, dass  h∈C2([0,1]2) . Diese Einschränkung werden wir später mit einem Faltungsargument rechtfertigen. Sei nun
ψ(t) :=
1
0
f ∘h (t,s) •∂s h (t,s) ds .
Um die Unabhängigkeit der Definition in eq:14 von  γ  zu zeigen, beweisen wir, dass  t | ψ(t)  konstant ist. Nach dem Differenzierbarkeitssatz (siehe [Analysis III:Differenzierbarkeitssatz] ) folgt mit
f ∘h •∂s h =
 
i
fi ∘h   ∂s hi ,
dass
ψ(t)
=
1
0
(t(f ∘h)(t,s) •∂s h (t,s) + f ∘h (t,s) •∂ts h (t,s) ) ds
=
1
0
(
 
ij
(
 

jfi

=∂ifj
) ∘h ∂t hjs hi +
 
i
fi ∘h
 

ts hi

=∂sthi
) (t,s) ds
=
1
0
 
j
(s (fj ∘h) ∂t hj + fj ∘h ∂st hj ) (t,s) ds
=
1
0
 
j
s (fj ∘h ∂t hj)(t,s) ds
=
( ( f ∘h ) •∂t h ) (t,s)
s=1 
s=0 
=
0
wegen  h(t,1)=x  und  h(t,0)=x0 . Es gilt also  ψ(0)=ψ(1) .

Dies wollen wir nun verallgemeinern auf stetige Homotopien. Dazu konstruieren wir eine stetige Fortsetzung von  h  und bilden durch Faltung mit einer Standard-DIRAC-Folge  (ϕε)ε>0  die Funktionen  hε:=ϕε ∗ h . Dann wenden wir das Gezeigte auf  hε  und  [-δ,1+δ]2  an und erhalten

[eq:14stern]
1+δ

f(hε(-δ,s)) •∂s hε(-δ,s) ds =
1+δ

f(hε(1+δ,s)) •∂s hε(1+δ,s) ds
Der Grenzübergang  ε → 0  auf beiden Seiten liefert dann
1
0
f(γ0(s))•γ0(s) ds =
1
0
f(γ1(s))•γ1(s) ds .

Im Einzelnen argumentiert man wie folgt: Es ist  h : [0,1]2 → R  nur stetig. Setze  h  auf  R2  fort durch

h(t,s)
=
x0 für s<0,
h(t,s)
=
x für s>1,
h(t,s)
=
γ0(s) für t ≦0 und 0 ≦s ≦1,
h(t,s)
=
γ1(s) für t ≧1 und 0 ≦s ≦1,
und definiere  hε := ϕε ∗ h . Wähle  δ>0  beliebig. Falls  ε  klein genug ist, so ist  hε : [-δ,1+δ]2 → Ω  unendlich oft differenzierbar, und es gilt:  hε → h  gleichmäßig auf  R2  für  ε → 0 . Außerdem gilt für kleines  ε>0 , dass  hε(t,s)=x0  für  s < -δ/2  und  hε(t,s)=x1  für  s < 1+δ/2 . Also ist  hε  eine Homotopie wie oben mit Kurvenparameter  s ∈[-δ,1+δ]  und Homotopieparameter  t ∈[-δ,1+δ] . Also kann das bisher Gezeigte angewandt werden, und es folgt die Identität eq:14stern.

Zu zeigen bleibt, dass

s hε(-δ,·) →  Χ]0,1[ γ0 in L1(R;Rn),
s hε(1+δ,·) →  Χ]0,1[ γ1 in L1(R;Rn).
Nun ist nach [Analysis III:Faltung]
s hε = ∂sε ∗ h) = (∂sϕε) ∗ h
also für  t=-δ 
s hε(t,s) =
 
R
(
 
R
 

s ϕε(t-t̃,s-s̃)

=-∂ε(t-t̃,s-s̃))
h(t̃,s̃)d) d
wobei für kleines  ε  im Integral nur Werte  t̃<0  relevant sind, und dann ist  h(t̃,s̃)=x0  für  s̃ ≦0 ,  h(t̃,s̃)=γ0(s̃)  für  0 ≦s̃ ≦1  und  h(t̃,s̃)=x1  für  s̃ ≧1 . Aufsplitten des inneren Integrals über  ]-∞,0[ ,  ]0,1[ ,  ]1,∞[  und partielle Integration ergibt also
s hε (t,s)
=
 
R
 
R
ϕε(t-t̃,s-s̃) ( Χ]0,1[ γ0)(s̃) dd
=
ψε ∗ ( Χ]0,1[ γ0) (s)
mit
ψε(s) :=
 
R
ϕε(t-t̃,s) dt̃=
 
R
ϕε(t̃,s) dt̃ .
Es folgt, dass  (ψε)ε>0  eine DIRAC-Folge ist, und daher
ψε ∗ ( Χ]0,1[ γ0) →  Χ]0,1[ γ0
in  L1(R;Rn)  nach [Analysis III:Approximation durch Faltung] . Entsprechend für  t=1+δ. 

Bemerkung

Das Integral im Satz ist ein Wegintegral bzgl. einer speziellen Parametrisierung  γ . Möchte man es von der Parametrisierung unabhängig schreiben, so ist das  ∫ Γ f •τdH1 , wobei  τ  der Einheitstangentenvektor in Durchlaufrichtung. Es handelt sich also um ein orientiertes Integral.

Betrachte  n=2 . Hat man zwei Kurven  Γ1 ,  Γ2  mit gleichem Anfangs- und Endpunkt, die ein Gebiet  D  beranden, so gilt  τ1(x)=ϭi νD(x)  für  x ∈Γ1  und  τ2(x)=-ϭi νD(x)  für  x ∈Γ2  mit einem geeignet gewählten Vorzeichen  ϭ∈{ ±1 } , also

 
 
Γ1
f •τ1 dH1 -
 
 
Γ2
f •τ2 dH1
=
ϭ
 
∂D
f •(i νD) dH1
=
ϭ
 
D
div (-i f) dL2
=
0
nach dem GAUSS'schen Satz, weil   div (-i f)= div (f2,-f1)=∂1f2+∂2(-f1)=0  ist.

Betrachte  n≧3 .  Γ1  und  Γ2  begrenzen eine zwei-dimensionale Fläche. Benutze dann analog den GAUSS'schen Satz auf Flächen. Man kann die Betrachtung auch mit dem STOKES'schen Satz durchführen.


Version 1.5
H.W. Alt - 02.01.2007

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